wssf

20. Fleckvieh Weltkongress in Kolumbien

Fleckvieh bewährt sich

 

Ing. Reinhard Pfleger, Ing. Johann Tanzler, AGÖF, Dr. Georg Röhrmoser, ASR

Kolumbien liegt im nordwestlichen Teil von Südamerika umgeben von Pazifik und Karibischem Meer. Es wird durchzogen von drei Gebirgszügen der nördlichen Anden mit Gipfeln bis zu 5700 m und geht im Südosten in den Urwald des Amazonasgebietes über. Kolumbien – ein Land der Extreme und Vielfalt, ohne Jahreszeiten mit ganzjähriger Vegetation. Das 1,1 Mio. km² große Land zählt rund 46 Mio. Einwohner.

Fleckviehrinder auf der Hazienda Milagrosa. Foto: Thoma

 

Die Rinderhaltung und -zucht hat sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich einen hohen Stellenwert und zählt neben der Kaffee- und Blumenerzeugung zu den wichtigsten Sparten der Landwirtschaft. Der kolumbianische Fleckviehzuchtverband ASO Simmental-Simbrah war Gastgeber und Ausrichter des 20. Fleckvieh Weltkongresses. Der Einladung folgten über 150 Kongressteilnehmer aus 18 Ländern der Erde darunter mehr als die Hälfte aus den Hauptfleckviehländern Europas.

 

Kongressstart in Bogota

Der Kongressstart mit Eröffnung, Landwirtschaftsschau und nationaler Ausstellung von Simmental-Fleckvieh, Simbrah und Zeburassen fand auf dem Messegelände CORFERIAS, mitten in der Hauptstadt Bogota gelegen, statt. Bogota, das pulsierende Zentrum Kolumbiens, ist auf ca. 2600 m Meereshöhe in der gemäßigten Klimazone gelegen. Das Hochplateau ist für Rinderhaltung und Blumenzucht prädestiniert, allerdings werden die Rinder-Fincas durch den Flächenraub von Industrie und Bevölkerungswachstum (ca. 10 Mio. Einwohner) mehr und mehr in die Berge zurückgedrängt.

Die feierliche Eröffnung des 20. Kongresses wurde von Weltpräsident Dr. Josef Kucera sowie den beiden Funktionären des kolumbianischen Veranstalters ASO Simmental-Simbrah, Daniel Espinosa und Manuel Blanco Rincon vorgenommen. Vor großer Kulisse wurden die teilnehmenden Delegationen willkommen geheißen. Für alle Ländervertreter – Obmann Sebastian Auernig für die AGÖF und GF Georg Röhrmoser für die ASR – berichteten in Kurzpräsentationen über den Stand der Zucht in ihren Fleckvieh-Simmental Populationen. Eine gelungene Ouvertüre, bei der die enorme Bandbreite der Rasse weltweit eindrucksvoll dargestellt wurde.

 

Nationalschau Simmental-Fleckvieh

Für die Ausstellung waren über 300 Fleckviehtiere im Katalog. Christian Straif, Rinderzucht Tirol und Reinhard Pfleger, Rinderzucht Steiermark waren als Preisrichter mit Kolumbienerfahrung eingeladen worden. Die Richtklassements zogen sich von Vorrundenentscheiden und zahlreichen Spezialklassen wie Stier-, Töchter- und Züchtersammlungen bis zu den Finalentscheiden über zwei Tage hindurch. Gerichtet wurde ohne Kataloginformationen, die Vorbereitung und Vorführung der Tiere war hochprofessionell. Große Abteilungen von Jungtieren mit hoher Exterieurqualität in Fundament und Entwicklung prägten das Bild der Schau. Frohwüchsige Jung- und Altstiere mit beeindruckender Korrektheit sowie Kuhklassen mit etwas indifferenten Euterqualitäten stellten den qualitativ hohen Level der kolumbianischen Fleckviehzucht eindrucksvoll unter Beweis und unterstrichen einmal mehr die Vormachtstellung Kolumbiens in der Fleckviehzucht in Lateinamerika.

 

Den Preisrichtern wurde vom Veranstalter die Vorgabe erteilt, die Tiere nach „europäischem Fleckviehauge“ zur richten. Bei den weiblichen Jungtieren konnten sich in den Gruppenentscheidungen Töchter von ROMARIO, WATERBERG und WAL durchsetzen. Bei den Kühen ging der Sieg an eine bestens beeuterte HUPSOL-Jungkuh, die sich gegen eine mit kapitalem Körper ausgestattete GS DIONIS-Tochter mit drei Kälbern behaupten konnte. In der Grand Championwahl der weiblichen Tiere setzte sich diese HUPSOL-Tochter SALOME knapp gegen die WAL-Kalbin MONIKA durch, die mit fehlerfreiem Fundament und körperlicher Entwicklung punkten konnte.

Bei den Stieren gingen die Vorrundensiege an Söhne der Väter HOLZMICHL, GS DIADORA und RATGEBER. Im Finale um den Championtitel konnte sich ein gewaltig entwickelter, tiefer, bestens bemuskelter RATGEBER-Sohn gegen starke Konkurrenz eines enorm großen DIADORA-Sohnes durchsetzen.

 

Die Arbeit der österreichischen Preisrichter fand ein sehr positives Echo bei Verantwortlichen und Züchtern. Starke Emotionen und Freude an der Fleckviehzucht waren innerhalb und außerhalb des Schauringes zu spüren. Die phantasie- und farbenreiche Gestaltung des Ringes und der gesamten Schauhalle mit den Ständen von ASO-Simmental, SPERMEX und GENETIK AUSTRIA verdient besondere Anerkennung.

Die Jungkuh Salome (Hupsol × Rustico) wurde Eutersiegerin und Grand Champion weiblich. Im Bild mit Besitzer Criadero La Martina und Preisrichter Christian Straif. Foto Christina Schrammel

 

Mit dem Blick in den Ausstellungskatalog wird die Bedeutung des langjährigen Genetikaustausches mit Süddeutschland und Österreich deutlich. Fast alle Tiere der nationalen Ausstellung haben Stiere aus diesen Zuchtgebieten zum Vater. Ein nicht geringer Prozentsatz des Schaukontingents stammte aus importierten Embryonen aus Österreich, Bayern und Baden-Württemberg. Zum ersten Mal sind im Katalog bei einem Teil der Kühe auch Laktationsleistungen ausgewiesen. Der Zuchtverband hat vor knapp zwei Jahren begonnen, den Service Milchleistungsprüfung für alle Züchter anzubieten.

Pozo Ronco Farm: In subtropischen Gebieten sind die Kreuzungen Simbrah (Simmental x Brahman) und Simgyr (Simmental x Gyr) gefragter denn je. Foto Röhrmoser

 

Generalversammlung in Cartagena

Cartagena am karibischen Meer war danach Austragungsort der Sitzungen im Rahmen des 20. Fleckvieh Weltkongresses. Zunächst fand die gemeinsame Ausschusssitzung der Weltvereinigung und der Europäischen Vereinigung der Fleckviehzüchter (EVF) statt. Dies war bereits das vierte Mal hintereinander – ein weiterer Schritt zur engeren Kooperation beider Organisationen. Hauptthema war dementsprechend auch die Diskussion wichtiger Eckpfeiler der neuen Organisationsstrukturen beider Vereinigungen. Berichte aus den verschiedenen Arbeitsgruppen wurden vorgestellt. Auf Vorschlag von Johann Tanzler (AT) wurde die international handhabbare 3-Buchstaben-Nomenklatur zur Kennzeichnung von Erbfehlern und genetischen Besonderheiten bei Fleckvieh einstimmig akzeptiert. Bernd Luntz (DE) stellte „FLECKSCORE online“ vor und Matthias Gerber (CH) fasste die Aktivitäten der Europäischen Arbeitsgruppe Fleischnutzung zusammen.

Präsident Dr. Kucera eröffnete die Generalversammlung und konnte Teilnehmer aus fast allen Kontinenten begrüßen. Der Finanzbericht wurde von Georg Röhrmoser (DE) erläutert. Aufgrund der guten Haushaltslage können internationale Jungzüchterveranstaltungen sowie Forschungs- und Marketingprojekte zur Rassewerbung gefördert werden. Im Bericht des Präsidenten beleuchtete Josef Kucera im ersten Schwerpunkt die Arbeit der WSFV im „Ständigen Komitee Weltrasseverbände“ bei ICAR: Mitgestaltung bei der Festlegung von Rassecodes, die neue SNP Datenbank GENOX, Standardisierung bei Erbfehlern und Mitsprache bei INTERBEEF für die Fleischnutzung. Mit Blick auf die geplante Stärkung der Weltvereinigung wurden wichtige Satzungsänderungen vorgestellt: die neue Beitragsstruktur fußt auf einem Sockelbetrag sowie der Kuhzahl je Land, es bleibt bei einer Mitgliedsorganisation je Land (außerordentliche Mitgliedschaften sind möglich) und kontinentale Vereinigungen werden unter dem Dach der WSFV verzahnt. Die Generalversammlung stimmte den Änderungen mit großer Mehrheit zu.

 

Sieben Referenten aus Südamerika, den USA und Europa bearbeiteten aktuelle Fragen und Themen der Fleckviehzucht und zur Produktqualität. Für Europa referierten Dr. Daniele Vicario aus Italien und Bernd Luntz aus Deutschland, der das neue Bewertungssystem FleckScore und den Stand der genomischen Selektion in Deutschland und Österreich vorstellte. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Fleckvieh auf dem amerikanischen Kontinent zur Verbesserung der Fleischqualität aber auch der -quantität mit großem Erfolg in Kreuzungen mit lokalen Zeburassen eingesetzt wird. Auch die Vorzüge von Fleckvieh in Milchqualität und Eutergesundheit gewinnen immer mehr an Bedeutung in Übersee. Hier könnten sich weitere interessante Marktchancen für den Export von Genetik aus Europa ergeben.

Dr. Josef Kucera aus Tschechien wurde im Zuge von Neuwahlen in seiner Funktion als Weltpräsident, wie auch der gesamte Vorstand, für eine weitere 2-jährige Amtsperiode bestätigt.

Fleckvieh-Jungbullen auf der Craidero Santa Ines. Foto Thoma

 

Kongress 2016 in Polen

Der nächste WSFV-Kongress wird Ende August 2016 in Südpolen stattfinden. Die Bewerbungspräsentation wurde mit reichlich Applaus versehen. Bereits vom 16.– 19. April 2015 findet der 31. Kongress der EVF in Thun in der Schweiz mit gemeinsamen Ausschusssitzungen und Mitgliederversammlung statt. Das Detailprogramm wird im Herbst 2014 versandt.

 

Ausblick und Dank

Kolumbien beeindruckte durch landschaftliche Schönheit, Freundlichkeit und Offenheit der Menschen. Auch kulturelle Leckerbissen kamen nicht zu kurz. Eine Tour durch die historischen Altstädte aus der Kolonialzeit, der Besuch des Goldmuseums in Bogota, die Fahrt zur Salzkathedrale in Zipaquire und die Besichtigung der Festung in Cartagena durften nicht fehlen. Der 20. Weltkongress war vom lokalen Zuchtverband Asosimmental bestens vorbereitet, organisiert und von hoher Gastfreundschaft geprägt.

Die Fleckviehzucht ist wirtschaftlich interessant und ein wachsender Zweig innerhalb der Landwirtschaft im Land. Fleckvieh aus Österreich und Deutschland genießt einen hervorragenden Ruf unter den kolumbianischen Züchtern. Basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen und Erlebnissen wird die Zusammenarbeit sicherlich weiter intensiviert und es kann noch gezielter auf die Anforderungen der Märkte in den Ländern Süd- und Mittelamerikas reagiert werden. Fleckvieh in der Doppelnutzung ist dort richtig im Kommen!

 

Ein herzlicher Dank sei an dieser Stelle dem Team der Genetic Austria mit GF. Mag. Peter Kreuzhuber, Alexander Manrique Gomez und Pilar Nicolas Trillo für die engagierte, sehr gelungene Organisation der Kongressreise nach Kolumbien ausgesprochen. Der Schlussdank gebührt natürlich auch unseren kolumbianischen Gastgebern und Freunden für die warmherzige Aufnahme in ihrem Land und nicht zuletzt an Daniel, Manuel, Filippo und Andrea für die bewegende Betreuung unserer Gruppe bis zur Abreise.

© 2013 World Simmental Fleckvieh Federation